La Palma

Mutterland auf La Palma
Barbara Pade und Gisela Lässig

Fotos: Rainer Tietel, Barbara Englert, Jutta Kaußen

Wer die friedliche Ordnung von Matriarchaten kennt, wünscht nichts sehnlicher als die Umsetzung des Wissens hierüber in Handlungen. Wir wissen um die zwingende Notwendigkeit einer spirituellen und gesellschaftlichen Erneuerung.

Noch gibt es ausgesprochen wenige Beispiele von „matriculturalen“ Projekten und alternativen Lebensweisen, die diese alte, Heilige Ordnung der Mütter ins Zentrum ihres Strebens stellen.

Barbara und Erich Graf auf der kanarischen Insel La Palma haben mit Autarca-Matricultura© so ein Projekt geschaffen. Sie setzen dort mit Liebe und Tatkraft die Erkenntnisse einiger von ihnen hoch geschätzter ForscherInnen in eine Alltagskultur um. Dabei werden Nachhaltigkeit mittels Permakultur sowie biologisch-dynamische Prinzipien um die matriarchale Dimension erweitert und ergänzt.

           

Wir haben das Projekt besucht:

Lang lebe der monatliche „Newsletta“ MatriaVox des Vereins MatriaVal e.V. Danke, Doreen Doristochter, für Deine Gestaltung! Denn hier entdeckten wir im April das Projekt AUTarca von Erich und Barbara Graf, studierten begeistert die Webseite (www.matricultura.org) und bereits am nächsten Tag hatten wir den Aufenthalt für eine Woche Ende Mai 2013 für uns beide und Giselas Mann gebucht.

Die Insel war mir, Barbara P., nicht unbekannt. Schon in den 80er Jahren hatte ich aufgemerkt bei der Lektüre meines Reiseführers.(1) Aus diesem ging hervor: Als die spanischen Eroberer der kanarischen Inseln im 15. Jhdt u. Z. auf die dortigen UreinwohnerInnen, das Volk der GuanchInnen, trafen, seien deren Frauen „hochgeachtet“ gewesen. Die Ehe hätten die GuanchInnen „wahrscheinlich ohne religiöse oder weltliche Feier vollzogen“ … „Die Scheidung erfolgte ohne viele Formalitäten. Bei diesen Freiheiten, die den Partnern gleichermaßen zustanden, ist die große Achtung vor der Würde und Stellung der Frau verständlich."(2) Meine Randnotiz damals zum letzten Satz: „Umgekehrt! Die hohe Stellung der Frau war die Garantin der Freiheiten beider Geschlechter!“ Und ich hege seither Verdacht auf eine matriarchale Sozialordnung der ehemaligen GuanchInnen.

Nach jahrzehntelangem erbittertem heldInnenhaftem Widerstand der Krieger und Kriegerinnen (3) unterlagen diese UreinwohnerInnen Ende des 15. Jhdt. der Waffengewalt der spanischen Konquistadoren. Viele Tausende von ihnen wurden getötet, aber – so schreibt ein kanarischer Autor – das Volk wurde nicht ausgerottet, sondern eine beträchtliche Anzahl von ihnen habe überlebt, sich anpassen müssen und sich mit den Spaniern mehr oder weniger vermischt. Diese NachfahrInnen hätten damals zwar ihre Sprache, Kultur und ihr „sozio-politisches System“ (sic!) dabei aufgeben müssen; einige Gewohnheiten und Sitten der GuanchInnen hätten sich aber bis in unsere Tage erhalten.(4)

Wie die Grafs uns erzählten, eignen die Canarias und Canarios ihre Inseln verschiedenen Körperorganen zu, und La Palma werde als Gebärmutter betrachtet. Vermutlich basiert das auf der spektakulärsten landschaftlichen Formation der Insel, der Caldera de Taburiente (Kessel-Durchmesser 8000m, Tiefe 1500m) (5), die mit ihren hohen umrundenden Felsformationen in der Aufsicht in der Tat diesem Organ gleicht. Sie ist einst durch einen riesigen Erdrutsch mit nachfolgenden Erosionen entstanden, und die Landmassen haben sich durch eine tiefe Schlucht (Barranco de las Angustias) nach Westen ins Meer bewegt (bei Tazacorte). Diese Schlucht bildet somit – landschaftsmythologisch betrachtet – den Geburtskanal zu der Gebärmutter von La Palma.

Die Insel ist ihrerseits einst als eine der jüngsten Inseltöchter von Mutter Erde vor „nur“ 2 Mio. Jahren mit Vulkan-Kraft aus ihrem Erd-Bauch in den Atlantischen Ozean geboren worden und ragt seither fast 3000 m über den Meeresspiegel hinaus gen Himmel. Frau und Mann beachte die klare Genealogie in der Mutterlinie, der wir auch noch die kosmische Groß-Mutter (KosMA), die einst Mutter Erde geboren hat, hinzufügen möchten.

Diesen Ur-Müttern/ Ahninnen verdanken nun unzählige pflanzliche, tierische und menschliche Wesen dieser Insel ihr Da-Sein; und – Göttin sei Dank – so auch seit sechs Jahren unsere GastgeberInnen Barbara und Erich Graf und ihre beiden Kinder Julian und Marian ihre neue HeiMAt.

Im Gegensatz zum patriarchalen Anthropozentrismus (im Grunde meist nur Androzentrismus), gilt die Liebe und Fürsorge der Grafs in erster Linie der Mutter alles Lebendigen: Mutter Erde. Sie fragen nicht: „Was brauche ich an Gemüse?“, sondern: „Was kann ich der Erde geben?“

Der Garten, den wir vorfanden nach nur 6-jähriger Pflege der kranken Erdmutter scheint uns zu spiegeln, dass Mutter Erde diese Liebe voll erwidert. Sie schenkt reiche Ernten an Avocados, Orangen, Zitronen, Mandeln, Pflaumen, Nüssen, Äpfeln, Futter für die beiden Ziegen und vieles mehr.

                   

Wir konnten kaum glauben, dass diese strotzenden Bäume laut Barbara vor 6 Jahren so krank aussahen wie die jetzigen auf einem Nachbar-Grundstück. Die Ideen der Permakultur, Subsistenzwirtschaft und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft werden, verbunden mit matriarchalen Werten, mit Erfolg in die Tat umgesetzt, so z.B. die Humus- und Terra Preta Herstellung aus organischen Abfällen mit Hilfe einer Wurmfarm und die Umwandlung menschlicher Ausscheidungen in Erde mit Hilfe von hoch absorbierender Kohle mittels Pyrolyseofen selbst hergestellt.

      

In diesem Jahr haben die Grafs die Bewegung „Solidarischer Beistand für unsere Mutter Erde, integrale Landschaftsheilung - biodiverse Wiederaufforstung als Basis der Subsistenz"(6) ins Leben gerufen. Es geht um die Aufforstung und damit die Wiederanhebung des Wasserspiegels von La Palma.

Vor kurzem haben sich Erich und Barbara sehr gefreut, dass sie „als Fremde“ (i.S. von nicht Nicht-KanarierInnen) dank der Fürsprache von NachbarInnen ein derzeit noch vernachlässigtes Nachbargrundstück zukaufen konnten, auf dem wertvolle Heilkräuter wie z. B. Zistrose wachsen. Möge auch dort ein weiterer Mutterland-Garten entstehen und sich wohltuend abheben von den vielen Monokulturflächen auf der Insel.


Barbaras und Erichs Wertschätzung für Mutter Erde als lebendiger Organismus gründet sich vor allem auf die Werke von Heide Göttner-Abendroth, Luisa Francia und Joana Macy. Teilnehmende am Permakulturkurs werden aufgefordert, sich mittels des Buches „Am Anfang die Mütter"(7) von Heide Göttner-Abendroth Matriarchats-kundig zu machen.

Die Grafs feiern die Jahreskreisfeste mit den entsprechenden Ritualen, sie leben nach den Mondrythmen und treffen Entscheidungen im Konsens unter ausdrücklicher Einbeziehung der Elemente und aller anderen Lebewesen (z. B. der Bienen, Würmer, Ziegen, Delphine).



Alle zu ihnen Kommenden werden mit einem weiß-rot-schwarzen Labyrinth nach Li-Shalima empfangen, eingelassen im Boden des Eingangsbereiches zu ihrem Haus.

            

Ferner schätzen Erich und Barbara die Patriarchatskritikerinnen Vandana Shiva, Claudia von Werlhof und Rosalie Bertell. In der Praxis bedeutet dies für sie Konsumverweigerung (Einsatz von einfachsten und angepassten Techniken z. b. Kochen, Heizen und Kühlen mit direkter Sonneneinstrahlung oder mit Biogas, Recyceln von Trinkwasser) und subversive, lebensfördernde Strategien (Saatgut, bewusst geförderte Biodiversität, bewusst friedvoller Umgang mit allem Lebendigen, integrale Landschaftsheilung).

Beeindruckt haben uns ihre gelebte Mütterlichkeit, Geduld und Ausdauer bei der Gesundung des Landes unter Berufung auf die Lehren von Wangari Mahatai, Maria Thun, Julia Boniface und Linda Woodrow. Von ihnen übernahmen sie die Ideen der Wiederaufforstung, das Schließen von Kreisläufen, Humusaufbau, gesunde Ernährung, Leben in Eigenverantwortlichkeit und Eigenmacht.

Bemerkenswert schien uns auch angesichts der Vielfalt anstehender Aufgaben die Gelassenheit von Erich und Barbara. Sie gönnten sich Pausen, fanden Zeit für Zusammensein und Singen und verströmten auch uns GästInnen gegenüber Geduld, Zuneigung und mütterliche Fürsorge.

     

Wir genossen sehr den Luxus der Stille (kein Verkehrslärm) sowie die wohltuende Medien-Armut (z. B. kein Mobiltelefon)(8) bei andererseits einem reichen Angebot an Grundlagenliteratur und Dokumentarfilmen aus der Autarca-Matricultura-Bibliothek.

Was Gemeinschaften anbelangt, so ist zurzeit noch kein Wohnraum für Andere vorhanden, ist aber geplant. Sehr wichtig sind für unsere GastgeberInnen gute Beziehungen mit allen NachbarInnen: Austausch von Produkten und Wissen, Geschenke-Ökonomie (nach Geneviève Vaughan), Nachbarschaftshilfe, gemeinsam Feste feiern.

Danke, liebe Barbara und lieber Erich, für die Gastfreundschaft in Eurem Paradiesgarten, in dem Eure Liebe für Mutter Erde und all ihre Geschöpfe als Grundhaltung eines wahrhaft matriarchalen Guten Lebens für uns erfahrbar wurde.

Barbara Pade und Gisela Lässig



(1) Schroeder: Kanarische Inseln, 8.Aufl. 1978

(2)  ebenda S. 38

(3)  Ja, es gab sie, die kämpfenden Guanchinnen! Siehe Harald und Marianne Braem, l988: Die Kanarischen Inseln – Auf den Spuren atlantischer Völker. Knaur. S. 53

(4) José Luis Conceptión: Die Guanchen. Ihr Überleben und ihre Nachkommen. Selbst- Verlag, l987. S. 7 und 8

(5) Zahlen und Zeitangaben aus: DoDo Hobi und Pilar Martino Alba, ca. 2009: La Palma, la Isla bonita . Tourismusbüro La Palma

(6) als kanarische Tochter der von Claudia v. Werlhof gegründeten „Planetaren Bewegung für Mutter Erde“

(7) Heide Göttner-Abendroth, 2011: Am Anfang die Mütter. Kohlhammer Verlag

(8) Aus Rücksicht auf die Bienen, andere Insekten und die Delfine.