Trun - Ahorn der Mutter Anna 

Sibylle Heimgartner / Kurt Derungs

Die Ortschaft Trun befindet sich in der Nähe von Disentis am Vorderrhein. Mitten im Dorf steht eine Kirche, die der hl. Anna geweiht ist.

Der Ahorn

Neben dem Friedhof direkt an der Hauptstrasse befindet sich ein stolzer Ahorn, ein Nachfolger des legendären Baumes der Grauen Bundes, der 1424 dort gegründet wurde. Um 1755 schreibt der Benediktinermönche Placidus a Spescha von Disentis zum sagenumwobenen Ahorn aus dem 13. Jahrhundert, dass er dreistämmig war und drei Öffnungen hatte, durch die man unten hinein und hinaus gehen konnte. Die drei Stämme waren ineinander verwachsen und unter den Wurzeln soll eine Goldquelle fliessen. Beim Einmarsch der Franzosen um 1799 verletzte ein Grenadier den Baum, worauf der Baum wie ein Mensch zu bluten begann. Leider fiel er am 28. Juni 1870 einem Sturm zum Opfer, worauf er durch den jetzigen Baum ersetzt wurde. 

Die Kirche St. Anna

Über dem Altar ist die Mutter Anna mit Maria und dem Jesuskind dargestellt. An der Decke entdecken wir einen Stammbaum auf dessen Krone Maria in einem riesigen Halbmond sitzt. Anna als Mutter Marias erscheint hier indirekt als Baumahnin und verweist auf die weibliche Mythologie des Ahorns. Muma Veglia „alte Mutter“ war die alte Baumgöttin und Ahnfrau Graubündens. Die Dreistämmigkeit des alten Ahorns verweist auf die dreigestaltige Grosse Göttin und ähnelt der dreistämmigen Föhre der drei Saligen Frauen in einer Mythologie aus dem Tirol. Das Durchkriechen verweist auf sehr alte Rituale und der Goldschatz deutet auf die Schätze der Erde.

Der Kulthügel

In Trun befindet sich auch ein Hügel, wo sich die Kapelle Maria Licht befindet. Die Einheimischen bezeichnen sie als Nossadunna della Glisch: Maria Schnee. Die Lage verweist auf eine überragende Kultstätte der Region. Überraschend ist die späte Christianisierung. Erst 1660 erfasst man diesen Ort wirklich. Die Legende berichtet, dass der damalige Pfarrer an einem Abend auf dem Felsenhügel etwas hell und klar strahlen gesehen hatte. Auch in weiteren Nächten erschien ihm das Licht. Dieses deutete er als eine Erscheinung der Maria und als ein Zeichen dafür, dass die Muttergottes hier eine Kirche wünschte. Und so geschah es auch. Warum ging alles so reibungslos? Die ansässige Bevölkerung wusste noch genau, dass ihre Vorfahren auf dem Hügel heilige Feuer angezündet hatten.

Die Landschaftsahnin

Die Landschaftsahnin manifestiert sich einerseits als Ahorn, andererseits im Bifertenstock, der vom Kulthügel Maria Schnee sehr gut sichtbar ist. Dort befindet sich ein geheimnisvoller Felsen, der einem liegenden Halbmond gleicht. Es ist daher kein Zufall, dass Maria als Himmelskönigin in ihrer Kapelle in einem weissen Kleid über dem Altar thront und auf einem mächtigen Halbmond steht.

Derungs, Kurt: Baumzauber. Die 22 Kultbäume der Schweiz. Grenchen 2008. p.103-110.

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